Wer sich intensiver mit Sauerteig beschäftigt, stösst früher oder später auf Begriffe wie
Levain, Lievito Madre, fester Sauerteig oder flüssiger Sauerteig.
Doch was steckt eigentlich dahinter?
Ist ein Levain immer flüssig?
Warum wird ein Lievito Madre so fest geführt?
Was bedeutet 1:1:1 oder 1:3:3 beim Auffrischen?
Und welchen Unterschied macht es, ob ich 50, 60, 80 oder 100 Prozent Wasser bezogen auf die Mehlmenge verwende?
Die Antwort ist einfacher, als es zunächst klingt:
Die Konsistenz eines Sauerteigs wird vor allem durch sein Verhältnis von Mehl zu Wasser bestimmt.
Und genau damit lässt sich der Sauerteig gezielt an das gewünschte Ergebnis anpassen.
Sauerteig ist nicht gleich Sauerteig
Grundsätzlich besteht ein Sauerteig immer aus denselben drei Komponenten:
- Mehl
- Wasser
- einer aktiven Kultur aus Hefen und Milchsäurebakterien
Was sich verändert, ist vor allem die
Hydration.
Bei einem Sauerteig bedeutet
Hydration das Verhältnis von Wasser zu Mehl.
Ein Sauerteig mit:
100 g Mehl + 100 g Wasser
hat beispielsweise eine
Hydration von
100 %.
Ein Sauerteig mit:
100 g Mehl + 60 g Wasser
hat dagegen eine
Hydration von
60 %.
Damit verändert sich nicht nur die Konsistenz. Auch Reifeverhalten, Aroma, Aktivität und Verarbeitung können sich deutlich verändern.
Die vier wichtigsten Konsistenzen
Für die Praxis können wir Sauerteige grob in vier Gruppen einteilen:
| Sauerteig |
Hydration |
Konsistenz |
Typischer Einsatz |
| Flüssiger Levain |
ca. 100 % |
cremig, fliessend |
Brot, Pizza, einfache Levain-Führungen |
| Mittelfester Levain |
ca. 70–80 % |
weich, dickcremig |
Pizza, Brot, flexible Teigführungen |
| Fester Sauerteig |
ca. 55–65 % |
weich, formbar |
Pizza, Brot, längere Führungen |
| Lievito Madre |
ca. 45–55 % |
sehr fest |
Pizza, Panettone, Colomba, süsse Teige |
Diese Grenzen sind nicht in Stein gemeisselt. Sauerteig ist kein mathematisches System, bei dem ab exakt 59 % eine neue Kategorie beginnt.
Es geht vielmehr darum,
wie viel Wasser die Kultur im Verhältnis zum Mehl enthält und welche Eigenschaften dadurch entstehen.
100 % Hydration – der flüssige Levain
Beginnen wir mit der einfachsten Variante.
Ein Levain mit 100 % Hydration besteht aus gleichen Mengen Mehl und Wasser.
Zum Beispiel:
- 50 g aktiver Sauerteig
- 100 g Mehl
- 100 g Wasser
Der fertige Levain ist relativ weich und cremig.
Er lässt sich leicht verrühren und verteilt sich später problemlos im Hauptteig.
Was spricht für einen flüssigen Levain?
Ein flüssiger Sauerteig ist besonders unkompliziert.
Er:
- lässt sich schnell ansetzen
- ist einfach zu vermischen
- entwickelt häufig eine sehr aktive Fermentation
- eignet sich hervorragend für Brot und Pizza
- lässt sich leicht in Rezepturen integrieren
Durch den hohen Wasseranteil läuft die Fermentation häufig relativ schnell ab.
Deshalb sollte man bei einem flüssigen Levain nicht nur auf die Uhr schauen.
Volumen, Blasen, Geruch und Konsistenz sind mindestens genauso wichtig.
Ein reifer Levain zeigt typischerweise viele Gasblasen und hat deutlich an Volumen gewonnen.
75–80 % Hydration – der flexible Mittelweg
Etwas weniger Wasser verändert den Charakter bereits deutlich.
Beispielsweise:
entsprechen einer Hydration von 75 %.
Der Sauerteig ist nun nicht mehr wirklich flüssig, aber auch noch nicht fest.
Er erinnert eher an einen sehr weichen Teig.
Diese Konsistenz finde ich besonders interessant für Pizza.
Warum?
Weil man damit einen
milden, aktiven Levain aufbauen kann, der sich noch gut vermischen lässt, aber bereits etwas mehr Struktur besitzt.
Auch für längere Teigführungen kann diese Variante interessant sein.
60 % Hydration – der feste Weizen-Sauerteig
Hier wird es schon deutlich kompakter.
Ein Beispiel:
Genau mit diesem Verhältnis arbeite ich auch bei meinem eigenen Sauerteig.
Der Sauerteig ist damit wesentlich fester als ein klassischer 100-%-Levain.
Er lässt sich nicht mehr einfach giessen.
Stattdessen entsteht eine weiche, formbare Masse.
Das hat einen interessanten Nebeneffekt:
Die Fermentation läuft in einem festeren Teig anders ab als in einem flüssigen Sauerteig.
Der Sauerteig bleibt länger strukturiert und kann bei entsprechender Führung sehr triebstark und mild bleiben.
Für Pizza finde ich diese Konsistenz besonders spannend, weil sie eine gute Verbindung zwischen klassischem Sauerteig und Lievito Madre darstellt.
50 % Hydration – jetzt wird es richtig fest
Bei 50 % Hydration kommen auf 100 g Mehl nur noch 50 g Wasser.
Zum Beispiel:
Das ergibt eine sehr feste Sauerteigkultur.
Man kann sie mit den Händen zu einer Kugel oder einem kleinen Teigstück formen.
Genau hier nähern wir uns der klassischen Welt des
Lievito Madre.
Der feste Sauerteig kann beispielsweise zu einer Rolle geformt und anschliessend in einem Gefäss gelagert werden.
Die geringe Wassermenge verändert das Fermentationsverhalten deutlich.
Die Kultur reift langsamer und bleibt wesentlich länger in einer festen Struktur.
Lievito Madre – der feste italienische Sauerteig
Lievito Madre bedeutet übersetzt
Mutterhefe.
Im Gegensatz zum häufig sehr flüssig geführten Weizensauerteig wird eine Lievito Madre traditionell relativ fest geführt.
Typischerweise bewegt man sich ungefähr im Bereich von
45 bis 55 % Hydration.
Ein einfaches Beispiel wäre:
- 100 g Lievito Madre
- 100 g Mehl
- 50 g Wasser
Das ergibt eine sehr feste Auffrischung.
Die Konsistenz erinnert eher an einen kleinen Brotteig als an einen klassischen Sauerteig.
Gerade bei Pizza ist das interessant.
Eine gut gepflegte, milde Lievito Madre kann für:
- Pizza
- Focaccia
- Brioche
- Panettone
- Colomba
- andere reichhaltige Teige
eingesetzt werden.
Dabei steht nicht unbedingt eine starke Säure im Vordergrund.
Im Gegenteil:
Eine gut geführte Lievito Madre soll möglichst mild, aromatisch und triebstark sein.
Aber was ist jetzt eigentlich ein Levain?
Hier kommt eine wichtige Unterscheidung.
Levain beschreibt nicht zwingend die Konsistenz.
Ein Levain ist vielmehr ein Sauerteig-Vorteig, der für einen bestimmten Backvorgang angesetzt wird.
Ich kann also beispielsweise einen:
- flüssigen Levain mit 100 % Hydration
- mittelfesten Levain mit 75 % Hydration
- festen Levain mit 60 % Hydration
führen.
Alle drei können Levain sein.
Der Begriff beschreibt also vor allem
die Funktion im Rezept, nicht automatisch die Konsistenz.
Das ist wichtig, weil in Rezepten oft einfach von „Levain“ gesprochen wird.
Wer dann versucht, die Konsistenz nachzuahmen, ohne auf die Hydration zu achten, kann schnell bei einer völlig anderen Teigführung landen.
Was bedeutet 1:1:1 beim Auffrischen?
Jetzt kommt das zweite wichtige Thema:
das Auffrischungsverhältnis.
Wenn ich beispielsweise von einer Auffrischung im Verhältnis 1:1:1 spreche, bedeutet das:
Sauerteig : Mehl : Wasser
Also beispielsweise:
- 50 g Sauerteig
- 50 g Mehl
- 50 g Wasser
Das ergibt insgesamt 150 g Sauerteig.
Das Verhältnis bestimmt dabei, wie viel neue Nahrung die vorhandene Kultur bekommt.
1:2:2 – mehr Nahrung, längere Reife
Bei 1:2:2 sieht es beispielsweise so aus:
- 25 g Sauerteig
- 50 g Mehl
- 50 g Wasser
Auch hier haben wir einen 100-%-Levain.
Der Unterschied liegt nicht in der Hydration, sondern in der
Menge des alten Sauerteigs im Verhältnis zur neuen Nahrung.
Das ist ein wichtiger Punkt.
1:1:1 und 1:2:2 können beide 100 % Hydration haben.
Der Unterschied liegt in der Fermentationsgeschwindigkeit.
Bei 1:2:2 steht der vorhandenen Kultur mehr frisches Mehl und Wasser zur Verfügung.
Dadurch dauert es in der Regel länger, bis der Levain seinen Reifehöhepunkt erreicht.
1:3:3 – noch mehr Nahrung
Noch deutlicher wird der Effekt bei:
- 20 g Sauerteig
- 60 g Mehl
- 60 g Wasser
Das entspricht 1:3:3.
Auch hier liegt die Hydration wieder bei 100 %.
Aber die Menge des alten Sauerteigs ist wesentlich kleiner.
Damit kann ich die Reifezeit stärker verlängern.
Das ist besonders praktisch, wenn ich beispielsweise abends einen Levain ansetze und ihn erst am nächsten Morgen verwenden möchte.
Verhältnis und Hydration sind zwei verschiedene Dinge
Diese beiden Begriffe werden häufig miteinander verwechselt.
Deshalb lohnt sich eine einfache Merkhilfe:
Hydration
bestimmt die
Konsistenz.
Beispiel:
100 g Mehl + 100 g Wasser = 100 % Hydration
100 g Mehl + 60 g Wasser = 60 % Hydration
Auffrischungsverhältnis
bestimmt, wie viel
alte Kultur auf neue Nahrung trifft.
Beispiel:
1:1:1 = schnellere Reife
1:2:2 = mittlere Reife
1:3:3 = längere Reife
Natürlich spielen zusätzlich Temperatur, Mehl und Aktivität der Kultur eine grosse Rolle.
Ein praktisches Beispiel
Nehmen wir an, ich möchte am Abend einen Levain für meine Pizza am nächsten Tag vorbereiten.
Ich könnte beispielsweise mit einem flüssigen Levain arbeiten:
1:3:3 – 100 % Hydration
- 20 g aktiver Sauerteig
- 60 g Mehl
- 60 g Wasser
Gesamt:
140 g Levain
Diesen lasse ich bei meiner gewünschten Raumtemperatur reifen und beobachte seine Entwicklung.
Oder ich möchte mit einem festeren Levain arbeiten.
Dann könnte ich beispielsweise ansetzen:
1:3:2 – ca. 67 % Hydration
- 20 g aktiver Sauerteig
- 60 g Mehl
- 40 g Wasser
Gesamt:
120 g fester Levain
Die Menge der alten Kultur bleibt gleich.
Was sich verändert, ist das Verhältnis von Mehl und Wasser.
Damit verändert sich auch die Konsistenz.
Welche Konsistenz nehme ich für Pizza?
Eine pauschale Antwort gibt es hier nicht.
Aber genau das macht Sauerteig so interessant.
Flüssiger Levain – 100 %
Ideal, wenn du:
- unkompliziert arbeiten möchtest
- einen leicht zu vermischenden Levain suchst
- gerne mit flüssigen Sauerteigen arbeitest
Mittelfester Levain – 70–80 %
Interessant für:
- Pizza
- längere Teigführungen
- aromatische Levains
- etwas mehr Struktur
Fester Sauerteig – 55–65 %
Interessant für:
- Pizza
- milde Weizensauerteige
- kräftige Fermentation
- eine Kultur, die kompakter geführt werden soll
Lievito Madre – ca. 45–55 %
Besonders interessant für:
- Pizza
- Focaccia
- Panettone
- Colomba
- Brioche
- andere Teige, bei denen eine milde und triebstarke Kultur gefragt ist
Was passiert mit dem Geschmack?
Auch hier sollte man vorsichtig sein.
Die Konsistenz alleine entscheidet nicht über den Geschmack.
Sie beeinflusst jedoch die Bedingungen, unter denen Hefen und Milchsäurebakterien arbeiten.
Dazu kommen:
- Temperatur
- Reifezeit
- Mehl
- Auffrischungsverhältnis
- Aktivität der Kultur
- Anzahl der Auffrischungen
- verwendete Wassermenge
Deshalb kann man nicht einfach sagen:
„Flüssiger Sauerteig ist sauer und fester Sauerteig ist mild.“
So einfach ist es nicht.
Vielmehr verändert die gesamte Führung das Gleichgewicht der Fermentation.
Mein persönlicher Ansatz
Für meine Pizzateige finde ich gerade die festeren Weizensauerteige sehr spannend.
Meine bisherige Kultur führe ich beispielsweise mit:
100 g Mehl + 60 g Wasser
also bei rund
60 % Hydration.
Das ist bereits deutlich fester als ein klassischer 100-%-Levain.
Für mich ist das ein guter Kompromiss:
Der Sauerteig bleibt relativ einfach zu pflegen, entwickelt eine schöne Aktivität und lässt sich gleichzeitig sehr gezielt als Bestandteil einer Pizza-Teigführung einsetzen.
Und genau hier beginnt für mich der interessante Teil des Sauerteig-Themas:
Man muss nicht den einen „richtigen“ Sauerteig finden.
Man kann die Kultur an die eigene Arbeitsweise anpassen.
Drei Varianten, mit denen du experimentieren kannst
Wenn du bereits einen aktiven Weizensauerteig besitzt, kannst du sehr einfach einmal drei Varianten parallel testen.
Variante 1 – flüssiger Levain
1:2:2 bei 100 % Hydration
- 20 g Sauerteig
- 40 g Mehl
- 40 g Wasser
Variante 2 – fester Levain
1:2:1,5 bei ca. 75 % Hydration
- 20 g Sauerteig
- 40 g Mehl
- 30 g Wasser
Variante 3 – sehr fester Levain
1:2:1,2 bei ca. 60 % Hydration
- 20 g Sauerteig
- 40 g Mehl
- 24 g Wasser
Schon nach einem einzigen Versuch wird deutlich, wie unterschiedlich sich die drei Kulturen entwickeln.
Die eine wird cremig und bewegt sich fast wie ein sehr dicker Teig.
Die andere bleibt kompakt.
Und die dritte lässt sich bereits mit den Händen formen.
Woran erkenne ich den richtigen Reifezeitpunkt?
Ganz unabhängig von der Konsistenz gilt:
Nicht die Uhr entscheidet, sondern der Sauerteig.
Achte auf:
- Volumenzunahme
- sichtbare Gasblasen
- Geruch
- Oberfläche
- Struktur
- Elastizität
- Aktivität
Ein reifer Levain sollte deutlich aktiv sein und sein Volumen sichtbar vergrössert haben.
Je nach Führung kann der optimale Zeitpunkt sehr unterschiedlich sein.
Deshalb sind Angaben wie „8 Stunden“ oder „12 Stunden“ immer nur Richtwerte.
Die Temperatur von Raum und Wasser, das Mehl und das Auffrischungsverhältnis können die Reifezeit deutlich verändern.
Sauerteig ist ein Werkzeug – keine feste Rezeptur
Genau das ist für mich die wichtigste Erkenntnis.
Sauerteig muss nicht immer gleich aussehen.
Er kann:
flüssig, cremig, weich, fest oder sogar sehr fest sein.
Und trotzdem handelt es sich immer um dieselbe faszinierende Kombination aus Mehl, Wasser, Hefen und Milchsäurebakterien.
Mit der Hydration und dem Auffrischungsverhältnis kann ich diese Kultur gezielt steuern.
Das eröffnet beim Backen sehr viele Möglichkeiten.
Für Pizza kann ein milder, fester Levain interessant sein.
Für ein Brot kann ein flüssiger Sauerteig die bessere Wahl sein.
Und für besonders reichhaltige Teige kann eine gut gepflegte Lievito Madre ihre Stärken ausspielen.
Fazit
Wenn du bisher immer denselben Sauerteig geführt hast, lohnt sich ein kleines Experiment.
Nimm deine aktive Kultur und führe einmal einen Teil davon flüssiger und einen anderen Teil deutlich fester.
Du wirst schnell merken:
Sauerteig ist nicht einfach nur Sauerteig.
Die Hydration verändert seine Konsistenz und beeinflusst damit auch die Art, wie du ihn pflegen, einsetzen und in deine Teigführung integrieren kannst.
Dabei ist es gar nicht notwendig, sich auf eine einzige Methode festzulegen.
Ich kann beispielsweise meine Mutterkultur relativ fest im Kühlschrank aufbewahren und für einen bestimmten Pizzateig daraus einen flüssigeren Levain aufbauen.
Oder ich führe meine Kultur direkt als festen Weizensauerteig beziehungsweise Lievito Madre.
Genau darin liegt für mich der Reiz:
| Nicht der Sauerteig muss sich an das Rezept anpassen – ich kann den Sauerteig an meine Teigführung anpassen. |