St. Galler Brot mit Übernachtgare – Das Geheimnis von Knusperkruste und saftiger Krume
Brotbacken ist wie Pizzabacken kein Zufall, sondern Handwerk, Leidenschaft und Vertrauen in die Fermentation. Es geht nicht nur darum, Mehl und Wasser zusammenzurühren, sondern zu verstehen, warum der Teig so reagiert, wie er es tut. ​Das traditionelle St. Galler Brot – ein Klassiker der Schweizer Backkultur mit seiner charakteristischen runden Form, dem tiefen Sehnenschnitt und der dunklen, röschen Kruste – profitiert immens von einer langen, kalten Standzeit. Durch die Übernachtgare im Kühlschrank geben wir den Enzymen und Hefen die Zeit, komplexe Aromen zu entwickeln, die Stärke abzubauen und für eine herrlich saftige, bekömmliche Krume zu sorgen. ​Hier erfährst du, wie du mit gezielter Teigentwicklung, hoher Hydration und der richtigen Ofentechnik ein echtes Meisterwerk aus deiner Backstube zauberst.

Die wichtigsten Parameter im Überblick

Hydration: ca. 70–72 % (je nach Saugfähigkeit des Mehls) Teigführung: Direktteig mit kalter Übernachtgare (12–18 Stunden bei 4–6 °C) ​Teigtemperatur: Zieltemperatur nach dem Kneten ca. 23–24 °C ​Backmethode: Sehr heiss anbacken mit viel Dampf (oder im Gusseisentopf)

​Zutaten für 1 grosses St. Galler Brot (ca. 850 g)

​Hauptteig

​500 g Ruchmehl (schweizerischer Klassiker mit hohem Schalenanteil) oder alternativ Weizenmehl Type 1050 / T80 (mind. 12,5 % Protein) ​350–360 g Eiskaltes Wasser (ca. 70–72 % Hydration) ​1,5 g Frischhefe (oder 0,5 g Trockenhefe – dank langer Gare reicht eine Winzigkeit) ​11 g Salz (ca. 2,2 %) ​5 g Gerstenmalzmehl / Backmalz (inaktiv, für Farbe, Krustenröschung und Aroma – optional)  

Zeitplan & Ablauf

​Tag 1 (Abend): Autolyse (30 Min.) Hauptteig kneten, Dehnen & Falten (Coil Folds), Anspringen lassen. Ab in den Kühlschrank (Übernachtgare, 12–18 Std.). ​Tag 2 (Morgen/Mittag): Formung zum St. Galler Laib, Kurze Stückgare, Typischer Schnitt, Heisse Krumen- & Krustenentwicklung im Ofen.  

​Schritt-für-Schritt-Zubereitung

​1. Autolyse (Mehl & Wasser verbinden)

​Vermische das Ruchmehl vollständig mit ca. 320 g des kalten Wassers (ein kleiner Rest Wasser wird später für die Bassinage zurückbehalten), bis kein trockenes Mehl mehr sichtbar ist. Abdecken und 30 bis 45 Minuten ruhen lassen. In dieser Phase quillt das Mehl, das Klebergerüst (Gluten) beginnt sich von alleine aufzubauen, und der spätere Knetprozess verkürzt sich spürbar.

2. Kneten & Bassinage

​Löse die Hefe im restlichen kalten Wasser (30–40 g) auf. ​Gib die Hefemischung und das Malz zum Autolyseteig und knete auf niedriger Stufe, bis das Wasser vollständig aufgenommen wurde. ​Füge das Salz hinzu und erhöhe die Knetgeschwindigkeit leicht. Knete den Teig so lange, bis er sich von den Wandungen der Schüssel löst, eine glatte Oberfläche zeigt und den Fenstertest besteht (der Teig lässt sich hauchdünn und lichtdurchlässig ausziehen, ohne zu reißen).

3. Stockgare & Stärkungsfalten (Coil Folds)

​Gib den Teig in eine leicht geölte Teigwanne. ​Führe in den ersten 90 Minuten der Raumtemperaturgare 2 bis 3 Serien Coil Folds (Dehnen & Falten) im Abstand von ca. 30 Minuten durch. Das verleiht dem hochhydrierten Teig hervorragende Standfestigkeit und Struktur. ​Lass den Teig nach dem letzten Falten etwa 30 Minuten anspringen, bis eine erste sanfte Volumenzunahme sichtbar ist.

4. Kalte Fermentation (Übernachtgare)

​Verschliesse die Teigwanne luftdicht und stelle sie für 12 bis 18 Stunden in den Kühlschrank bei 4 bis 6 °C. ​Warum? Bei kühlen Temperaturen verlangsamt sich die Hefeaktivität, während Enzyme ungestört Aromastoffe und Zucker freisetzen. Das Ergebnis ist maximale Bekömmlichkeit und ein unvergleichlicher Geschmack.

​5. Formung des St. Galler Laibs

​Am nächsten Tag den kalten Teig vorsichtig auf eine leicht bemehlte Arbeitsfläche (ideal: Semola oder Ruchmehl) kippen. ​Den Teig schonend zu einer kugeligen Form aufspannen (Rundwirken). Bei der St. Galler Form wird der Teigling leicht oval/hoch aufgebaut, indem man die Ränder straff nach unten zieht, um eine hohe Oberflächenspannung zu erzeugen. ​Den Laib mit dem Schluss nach unten auf ein Backpapier setzen und ca. 45 bis 60 Minuten bei Raumtemperatur akklimatisieren und nachgaren lassen.

​6. Der Schnitt & das Backen

​Den Backofen rechtzeitig mit Pizzastein, Backstahl oder einem Gusseisentopf auf 240–250 °C Ober-/Unterhitze vorheizen. ​Der St. Galler Schnitt: Kurz vor dem Einschieben wird das Brot seitlich mit einer scharfen Klinge oder einer Schere mit einem tiefen, fast waagerechten Schnitt eingekerbt – so entsteht die typische „Nase“ bzw. der charakteristische Wulst des St. Galler Brotes. ​Mit viel Dampf (Schwaden) in den Ofen einschieben. (Bei Verwendung eines Gusseisentopfs übernimmt der geschlossene Deckel die Dampffunktion). Backzeit: ​15 Minuten bei 240 °C mit Dampf backen. ​Dampf ablassen (Ofentür kurz öffnen) bzw. Topfdeckel abnehmen. ​Temperatur auf 210 °C reduzieren und weitere 30–35 Minuten dunkel und knusprig ausbacken.

Tipps für das perfekte Ergebnis

​Ruchmehl ist der Key: Ruchmehl enthält Teile der Schale und Keimlinge. Es nimmt spürbar mehr Wasser auf als normales Weissmehl (Typ 550/00) und gibt dem Brot seinen herben, nussigen Charakter. ​Krustenrösche: Lass das Brot nach dem Backen auf einem Gitter auskühlen. Der hohle Klang beim Klopfen auf die Unterseite verrät dir, dass es perfekt durchgebacken ist. ​Keine Hektik: Schneide das Brot erst an, wenn es vollständig abgekühlt ist. Die Krume muss sich stabilisieren, damit die Feuchtigkeit im Brot bleibt. ​Saluti Cosimo

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